Nachts, wenn ich schla­fe, dann schla­fe ich und bin ich selbst. Wenn ich wach wer­de, begin­ne ich, mei­ne ganz eige­ne Rea­li­tät mit mei­nen Gedan­ken, Gefüh­len und Bedürf­nis­sen wahr­zu­neh­men. Und dann neh­me ich mei­ne “ers­te Rol­le” ein. Aber bin ich eine Rol­le oder ver­hal­te ich mich in einer Rol­le?

Klä­ren der eige­nen Rol­le, um authen­tisch zu sein — was heißt das, wenn ich doch täg­lich gleich meh­re­re unter­schied­li­che Rol­len aus­fül­len muss?

Nachts, wenn ich schla­fe, dann schla­fe ich und bin ich selbst. Ich träu­me für mich allein und kann ganz so sein, wie ich wirk­lich bin. Es ist schön, wenn ich mor­gens auf­wa­che und mich nach einem guten Schlaf erholt füh­le. Ich habe wäh­rend mei­nes Schla­fes kei­ne Pflich­ten und Regeln, die mich in mei­ner “Frei­heit” ein­gren­zen; es gibt Nie­man­den — nicht ein­mal ich selbst -, der Anfor­de­run­gen an mich stellt.

Nach einem kur­zen — oder län­ge­ren — Zeit­raum wer­de ich voll­ends wach, und ich begin­ne, die “Rea­li­tät” wahr­zu­neh­men — mei­ne ganz eige­ne Rea­li­tät mit mei­nen Gedan­ken, Gefüh­len und Bedürf­nis­sen. Und dann stel­le ich mich dar­auf ein, mei­ne “ers­te Rol­le” — als Allein­ste­hen­der, Part­ner, mit oder ohne Kin­der, mit oder ohne pfle­ge­be­dürf­ti­ge Per­so­nen im Haus­halt oder ande­ren Per­so­nen — ein­zu­neh­men: Ich ste­he auf und begin­ne den Tag. Nach und nach neh­me ich mei­ne ande­ren Rol­len wahr: Autofahrer/ Bahnfahrer/ Rad­fah­rer, Selbstständiger/ Arbeit­neh­mer, Mitarbeiter/ Vor­ge­setz­ter, Vater/ Mut­ter, Ver­eins­mit­glied, Sport­trei­ben­der, Ehren­amt­li­cher und noch vie­le ande­re denk­ba­re Rol­len. Das liest sich kom­pli­ziert und scheint vor Allem eines zu sein: schwie­rig umzu­set­zen. Denn schließ­lich haben wir das Gefühl, dass sich die an uns gestell­ten Anfor­de­run­gen in jeder ein­zel­nen Rol­le täg­lich erhö­hen, weil doch Alles schnel­ler, viel­fäl­ti­ger und kom­ple­xer gewor­den ist.

Und in allen die­sen Rol­len und mehr oder weni­ger anspruchs­vol­len Situa­tio­nen soll ich nun auch noch “authen­tisch” sein? Ist das nicht eine (zu) “hohe Hür­de”, die mei­ne gan­ze Kraft (über-) for­dert?

Ich stel­le mir die fol­gen­den Fra­gen: Bin ich eine Rol­le oder ver­hal­te ich mich in einer Rol­le? Ist Authen­ti­zi­tät bei­spiels­wei­se das inne­re Über­ein­stim­men von Den­ken, Füh­len und Han­deln (die­se Defi­ni­ti­on gefällt mir per­sön­lich sehr gut) oder gibt es ein “Mus­ter­ver­hal­ten” (ich muss … sein/ tun/ denken/ füh­len)?

Ich habe zum Begriff der Authen­ti­zi­tät auch gele­sen: Wir sol­len ler­nen, aus dem Bauch her­aus zu han­deln; “Der Bauch ist ein Meis­ter aller Küns­te” (Per­si­us Flac­cus, römi­scher Sati­ri­ker, 34 — 62 n. Chr.). Eine ande­re Beschrei­bung lau­tet: Ein­fach “sein”, wie man “ist”.

Zwei Hin­wei­se sei­en erlaubt: Wenn ich authen­tisch bin, ist das nicht gleich­be­deu­tend damit, dass ich als Mensch dadurch “fair”, “gut” oder “ehr­lich” bin. Mein Ver­hal­ten nach außen hin ent­spricht zunächst ein­mal “ledig­lich” mei­nem Den­ken und Füh­len. Über­dies ist Nicht-Han­deln eben­falls eine Form des Han­delns: “Ver­ant­wort­lich ist man nicht nur für das, was man tut, son­dern auch für das, was man nicht tut. (Lao­tse)”.

Die zu über­sprin­gen­de “Hür­de” ist, dass ich mich mit mei­nen Bedürf­nis­sen aus­ein­an­der­set­ze: Wel­che inne­ren und äuße­ren Gren­zen set­ze ich, wie viel Raum brau­che ich, was tut mir gut, wel­che Bedürf­nis­se, Träu­me und Wün­sche habe ich, wel­ches sind die mir wich­ti­gen Men­schen in mei­nem Umfeld, wofür möch­te ich mei­ne Ener­gie ein­set­zen? Vie­le von uns haben in ihrer Kind­heit und Jugend “gelernt”, dass das Äußern von Gefüh­len nicht zu den “gesell­schaft­li­chen Regeln” pas­se. Erst seit eini­gen Jah­ren ver­än­dert sich die­se Hal­tung, und eini­ge Weni­ge begin­nen, das, was sie inner­lich bewegt, nach außen zu kom­mu­ni­zie­ren.

Und Nie­mand hat gesagt, dass das Über­sprin­gen der Hür­de leicht ist. Das Schö­ne dabei ist jedoch: Wir haben jeden Tag die Chan­ce, uns wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. “Ich kann nicht, weil …” heißt in vie­len Fäl­len über­setzt: “Ich will nicht” bzw. “Ich traue mich nicht” — ist es Ihnen nicht auch schon ein­mal so gegan­gen? Mit dem Kopf schaf­fen wir es oft­mals, eine für uns (ver­meint­lich) stim­mi­ge Aus­sa­ge zu tref­fen. Aber haben Sie nicht auch manch­mal die Erfah­rung gemacht, dass sich trotz­dem “irgend­et­was” nicht rund anfühlt? Der erwähn­te Bauch sagt Ihnen: “Hör mich an!” Aber was genau möch­te mir mein Bauch sagen, er kann ja — zumin­dest mein Bauch kann es nicht — spre­chen?

Die Idee ist es zu erken­nen, dass wir selbst in uns hin­ein­hö­ren. Denn: Der wich­tigs­te Mensch in mei­nem Leben bin ich selbst! Das ist mit­nich­ten ego­is­tisch, denn bin ich mit mir selbst im Rei­nen, kann ich nach außen hin selbst­be­wusst und ange­mes­sen han­deln. Das schließt auch die per­sön­li­che Bewer­tung mit ein, wel­che äuße­ren Regeln ich anneh­men möch­te oder wel­che ich ableh­ne: Und natür­lich muss ich für die Kon­se­quen­zen ein­ste­hen. Ich habe jeden Tag die Frei­heit, mich neu zu ent­schei­den. Authen­tisch zu sein kommt dann ganz “auto­ma­tisch”, weil ich mich so ver­hal­te, wie ich bin.

Ich selbst ent­schei­de, wie ich den­ken, füh­len und han­deln (und als Teil davon kom­mu­ni­zie­ren) will. Dadurch blei­be ich indi­vi­du­ell. In ande­re Rol­len zu wech­seln bedeu­tet dann für mich nicht bewuss­te “(Kopf-) Arbeit”, son­dern viel­mehr das intui­ti­ve sich Ein­stel­len auf ande­re Situa­tio­nen mit ande­ren Auf­ga­ben, Rech­ten und Pflich­ten, ohne mir selbst dabei untreu zu wer­den.

Ein “Wech­seln” der Rol­len fällt mir des­halb leicht, da ich letzt­lich nur noch genau eine indi­vi­du­el­le Rol­le habe. Ich bin also stets der glei­che (selbst­be­wuss­te) Mensch mit allen mei­nen unter­schied­li­chen Eigen­schaf­ten, die in ver­schie­de­nen Situa­tio­nen zum Tra­gen kom­men kön­nen.

 

Ich freue mich über Ihr Feed­back, gern per­sön­lich,

herz­lichst

 

Ihr Chris­ti­an Nour­ney